Solidarische Lebensweise

Schon hier und heute schaffen Menschen die Grundlage für ein Gutes Leben für Alle. Überall auf der Welt setzen sich Menschen für ein friedliches, demokratisches, ökologisch nachhaltiges Miteinander frei von Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung ein. Wir sind davon überzeugt, dass es Prinzipien des solidarischen Zusammenlebens gibt, die ganz verschiedene Initiativen und Projekte verbinden, und die in ihnen mal mehr, mal weniger deutlich zum Vorschein treten.

Die hier dargestellten Prinzipien erlauben es, soziale und ökologische Transformation zusammen zu denken, weil das eine ohne das andere nicht sein kann. Sie zielen darauf ab, politische und wirtschaftliche Strukturen ebenso zu verändern wie unseren Alltag. Das umfasst zum Beispiel Eigentums- und Besitzverhältnisse, Produktion und Konsum, Arbeit und Sorge sowie Teilhabe und Mitbestimmung. Sie schaffen Möglichkeiten, auf all diesen Ebenen die Verbundenheit zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur anzuerkennen. Sie füllen das, was wir als solidarisch bezeichnen, mit Leben.

Paradox an der imperialen Lebensweise ist vor allem, dass die meisten Menschen im Globalen Norden gleichzeitig Ausgebeutete und Ausbeutende sind. Die einen leben auf dem Rücken der anderen. Herkunftsland, Hautfarbe, Geschlecht und weitere nicht beeinflussbare Kategorien bestimmen aufgrund bestehender Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus zusätzlich, wessen Rücken dabei wieviel Last trägt. Diese Unterschiede gibt es innerhalb von Gesellschaften, besonders aber auf globaler Ebene zwischen den reichen Ländern des Globalen Nordens und dem Globalen Süden. Doch auch im Globalen Süden entstehen mit zunehmender Industrialisierung Mittelschichten, die ähnlich leben wollen, wie es ihnen der Globale Norden vormacht. Auto, Eigenheim, Fleisch und Flugreisen – während die imperiale Lebensweise für die einen Normalität ist, ist sie für die anderen ein Zukunftsversprechen.

Diese Lebensweise ist nicht verallgemeinerbar. Sie wird als imperial bezeichnet, weil sie ein ‚Außen‘ voraussetzt, einen Bereich, der noch ausgebeutet werden kann, wo Arbeitskräfte und natürliche Ressourcen billig zur Verfügung stehen. Einen Bereich, auf den auch die entstehenden Probleme und der Müll unserer Lebens- und Produktionsweise abgeladen werden können. Da die neuen Mittelschichten des Globalen Südens ebenso ein Außen benötigen, schrumpft dieser externe Bereich aber allmählich. Auf einem begrenzten Planeten kann sich die imperiale Lebensweise nicht ewig ausbreiten.

Demokratisierung: Was alle angeht, entscheiden alle

Wir sind davon überzeugt, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollten, ihr Leben und alles, was dieses berührt, selbstbestimmt zu gestalten. Dazu benötigen alle Menschen Zugang zu den Mitteln, die für diese umfassende Teilhabe notwendig sind. Demokratisierung bedeutet daher Umverteilung. Bei gleichen Zugängen geht es um zeitliche und emotionale Fähigkeiten genauso wie um Bildung sowie materielle und soziale Sicherheit. Darüber hinaus braucht es hierfür entsprechende Entscheidungsverfahren, die Machtungleichheiten überwinden und allen Menschen gleichermaßen ermöglichen, zu partizipieren. Das Recht, sich nicht immer mit voller Kraft für seine Rechte einsetzen zu müssen (weil man nicht immer kann oder nicht immer will), muss dabei jedoch gewahrt bleiben.

Commoning: Die schöpferische Kraft des Gemeinschaffens

Menschen sind auf materielle Güter und Ressourcen angewiesen. Die imperiale Lebensweise organisiert die Verteilung der Güter über Privateigentum und Profitmaximierung. In einer solidarischen Lebensweise können Menschen Güter nach ihren Bedürfnissen nutzen, ohne dabei die Bedürfnisse anderer zu verletzen.

Ob etwas ein Gemeingut (englisch: Commons) ist, hängt nicht vom Gut selbst ab, sondern vom Umgang damit: Gemeingüter entstehen, wenn die Beteiligten sie gemeinschaftlich erzeugen, pflegen und nutzen. Sie sind daher immer sozial. Alle möglichen Arten, Güter herzustellen und zu erhalten, an denen Menschen gemeinsam beteiligt sind, sind als Commoning denkbar. Die beteiligten Menschen entscheiden gemeinsam über die Gestaltung des jeweiligen Gemeingutes. In diesem Prozess ist das Prinzip der Demokratisierung zentral. Dabei orientieren sie sich an ihren eigenen grundlegenden Bedürfnissen, handeln gemeinschaftlich eine Lösung für alle aus und zielen auf eine bedürfnisorientierte Nutzung, ohne dabei den langfristigen Erhalt des Gemeinguts zu gefährden. Auf diese Weise ermöglichen sie ein Weniger an Gebrauchsgütern.

ReProduktion: Gemeinsam für alle(s) sorgen

Wenn wir ernst nehmen, dass Menschen aufeinander und auf die Natur angewiesen sind, verschiebt sich der Fokus unseres Schaffens: Es geht darum Leben zu erhalten, Teilhabe zu sichern und Bedürfnisse zu verwirklichen, ohne andere auszubeuten.

Das ist das Prinzip der ReProduktion beziehungsweise der Sorge. Das, was wir heute als Erwerbsarbeit bezeichnen, trägt dazu nur teilweise oder gar nicht bei. Trotzdem wird die Erwerbsarbeit gemeinhin als ›produktive‹ Tätigkeit betrachtet. Der reproduktive Teil der Tätigkeiten – also die Sorgearbeit für Menschen, wie Kranken- und Altenpflege, Kinderbetreuung oder Hausarbeiten und auch der Erhalt der Natur – wird abgewertet, sogar dann, wenn diese Tätigkeiten als Beruf ausgeübt werden.

Wir wollen eine Lebens- und Produktionsweise, die nicht länger zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten trennt und sich konsequent an der Logik der Sorge orientiert. Dafür räumen wir der Sorgearbeit einen zentralen Stellenwert ein. Für uns umfasst der Begriff nicht nur klassische reproduktive Tätigkeiten sondern alles, was Leben spendet, erhält und zur Entfaltung bringt. Es geht also nicht ausschließlich um Waschen, Putzen, Kochen, Pflegen, sondern auch darum, Lebensmittel anzubauen, Bedarfsgegenstände herzustellen, zu musizieren. Deshalb sprechen wir auch von ReProduktion, um die heute getrennten Sphären von Produktion und Reproduktion zusam- menzudenken: Tätigkeiten erfahren ihre Anerkennung nicht mehr dadurch, dass sie ökonomischen Mehrwert produzieren, sondern dadurch, dass sie sich auf das Wesentliche beziehen, nämlich die Erhaltung und Entfaltung menschlichen Lebens sowie die ökologische Unversehrtheit.

Dependenz: Die Natur als Mitwelt statt als Müllhalde

Sorge und Beziehung schließt für uns das Verhält- nis zwischen Menschen und der Natur – und somit die gesellschaftlichen Naturverhältnisse – mit ein. Menschen sind auf die Natur angewiesen: Sie umgibt uns nicht nur, sondern wir sind auf unzählige Weisen mit ihr verflochten (Dependenz). Wir sind selbst Natur. Sie erinnert uns außerdem daran, dass die Zyklen der Natur verletzlich sind und auch die Kraft, die sie zur Regeneration benötigt, endlich ist. Auch die Natur braucht Sorge. Wir betrachten sie also nicht länger als verwertbar und beliebig manipulierbar, sondern sprechen ihr Eigenwert und Eigenständigkeit bei gleichzeitiger Verflechtung mit dem Menschen zu. Wir sprechen uns dafür aus, diese notwendige Verbundenheit auf Augenhöhe und in Fürsorge zu gestalten.

Suffizienz: Es ist genug für alle da

Das Prinzip der Suffizienz hält der Wachstumslogik der imperialen Lebensweise – Mehr ist besser!– ein Genug! entgegen. Darin steckt für uns eine doppelte Forderung: Zum einen sollen alle Menschen genug haben, um ein gutes Leben führen zu können. Zum anderen müssen Gesellschaften und soziale Gruppen, deren Lebensweise einen zu großen ökologischen Fußabdruck erzeugt, diesen drastisch verkleinern. Das beinhaltet auch gesellschaftliche Gleichheit: Menschen mit zu viel Macht und Eigentum müssen einen entsprechenden Teil ihrer Ansprüche abtreten. Suffizienz zielt darauf, dass die Menschen weniger Ressourcen (Energie, Material und so weiter) als heute verbrauchen. Suffizienz heißt aber nicht absoluter Verzicht, sondern verschiebt den Maßstab: Die Frage ist nicht mehr, was ist schneller, besser, weiter, sondern was ist genug.

Referenzen:

• I.L.A. Kollektiv (Hg.) (2019): Das Gute Leben für Alle. Wege in die Solidarische Lebensweise. München: oekom

• Illustration: Sarah Heuzeroth, 2019